Familien Reise Abenteuer


Iran 2022

Sonntag, 4. Dezember 2022 - schon in Indien am Indischen Ozean 

 

IRAN TEIL 2

Im Dunkel der Nacht

 

Es ist abends geworden. Wir haben es gerade so geschafft unseren Platz zu erreichen, einen Kilometer vorher machte sich ein Geräusch unter uns beim Fahren - ein Geräusch, das nicht gut klingt - nochmal bemerkbar. Vorhin bei voller Fahrt klang es, als sei Metall gebrochen, oder Simon über irgendwas drüber gefahren. Dann war wieder nichts und wir fuhren zügig normal weiter. Jetzt leuchtet er am Straßenrand nach der Ursache – tatsächlich ist der Getriebehalter gebrochen! „Our Old Lady Fidibus“ hat immer mal wieder Wehwehchen (kein Grund für uns, unserem Fidibus nicht für eine lange Reise zu vertrauen).

Den letzten Kilometer kriechen wir also. Bis zum Stellplatz neben einer Kleinstadt. Dort schaut Simon sich die Lage unterm Fahrzeug genau an.

Währenddessen werden wir beschallt von lauter iranischer Musik. Nur hundert Meter entfernt feiern ein Dutzend junge Leute. Ja, feiern. Sie tanzen. Alle zusammen, Männer und Frauen. Um ihre Autos, wild, wie wir es aus Diskos kennen.

Nach einer halben Stunde hören sie auf, kommen an uns vorbei gefahren, sehen uns mit Taschenlampen unter dem Fahrzeug, halten an. „Do you need help?“ Eine junge Frau, angezogen wie gewohnt in westlichen Ländern, und ohne Kopftuch, kommt zu Simon. Ihr Partner, rasierter Kopf und kein Bart, kommt dazu. Überall bieten die freundlichen Iraner ihre Hilfe an. Aber hier müssen wir alleine ran. Auch ich komme raus – so wie ich bin, western style, ohne Kopftuch – wir reden eine Weile, ganz normal. So stehen wir da, im Dunkel der Nacht, im Schutz der Nacht. Im Iran.

 

Als Reisende halten wir uns zum Eigenschutz an einiges. Keine politischen Äußerungen, Dresscode einhalten, wenn es einen gibt. Hier gibt es einen, mir als Frau hab ich extra vorher Kleidung besorgt. Für mich ist es unangenehm – sehr gewöhnungsbedürftig. Ich muss immer dran denken, und ständig so ein Getüddel am Körper, bin ich doch gerne praktisch unterwegs. Musste erst rausfinden, wie das Kopftuch nicht runterrutscht und ich beim Einsteigen nicht über das Kleid stolpere. Als Mann ist man unauffällig mit Bart und Schnauzer, als Frau mit Kopftuch und weiter Kleidung, Hand- und Fussknöchel sollen bedeckt sein.

 

Ich werde nun erst über einige Szenen berichten, die aktuell zu unserer Reisezeit im Oktober bis November 2022 in dem eindrucksvollen Land abgehen.

Die Situation berührt uns. Aber für uns als Familie ist die aktuelle Situation kein Grund gewesen, nicht durch den Iran zu fahren. Wir haben auch keinen annährend auffälligen Moment für uns selbst erlebt, im Gegenteil, wir begegnen unterwegs den Menschen, ein Volk, das uns stets liebevoll und offenherzig, wie wir es zuvor noch nicht erlebten, empfängt. Muslimische Gastfreundlichkeit und mehr.

Egal, wo wir sind auf der Welt, es sind immer Mensch-zu-Mensch-Begegnungen. Sie sind ähnlich, klar: verschiedene Mentalitäten, Lebensarten, Kulturprägungen. Im Laufe der Zeit haben wir ein gewisses Vertrauen entwickelt, verbunden mit Gespür. Wir vertrauen den Menschbegegnungen, aber politischen Lagen nicht. Somit birgt das ein gewisses Risiko. Deshalb achteten wir darauf, wie wir unsere Iran-Route planen: Kleine Straßen, keinesfalls große Städte, vor allem nicht näher an Teheran und Zahedan, dort sind die größten Aufstände. Und zügig durch (das muss nicht unbedingt sein). Achten, wo nächtigen und wo Fotos machen.

 

Beinahe jeder, dem wir begegnen, ob Gemüsehändler, Imbissangestellter, Mechaniker,… gibt sofort ein Kommentar zur Politik. „Die Regierung ist gegen uns, gegen das Volk“, „Die Regierung tötet unsere Leute“, „Das Land befindet sich in Revolution!“, „You`re here in a special time for this country, special for all women, its revolution time!“

 

„Es ist etwas Besonderes, dass ihr zu dieser Zeit durch den Iran reist. Danke für euren Mut und euer Vertrauen!“, sagt mir eine Frau im Lizard-Park, die ihren Job verloren hat, weil sie im Tourismus arbeitet und sich die Touristen kaum noch trauen zu kommen. Ich finde, ja, genauso ist es, ich zeige Anteilnahme, indem ich trotzdem in das Land reise und vertraue. Auch wenn ich mich dabei den „Noch“-Sitten anpasse. Wir sehen immer wieder Frauen ohne Kopftücher auf den Straßen, die meisten haben es halb auf dem Kopf sitzen.

Das Leben geht weiter, auch inmitten der Revolution. Ist es eine? Es herrscht nicht nur Anspannung, sondern auch gewohnte Normalität. Wir merken beides. Wir fühlen uns wohl, weil die Menschen uns täglich überall sehr freundlich und aufgeschlossen begegnen. Das wirkt fast wie ein „Schutz“. Abgesehen davon verhalten sich uns gegenüber die Polizisten auch sehr freundlich, bei den Kontrollen winken sie uns generell durch, scheinen nicht interessiert. Sie lächeln uns an, freudig und fast wie die Fahrer auf den Straßen, die uns anhupen und zuwinken, einfach nur, weil wir vorbei fahren. Nur zwei Polizeikontrollen haben wir, eine strengere bei Zahedan.

 

Ja, Zahedan.

 

Wir waren nicht in der Stadt, aber wir mussten daran vorbei. Es ist die letzte Stadt vor der pakistanischen Grenze, hinter der Wüste Lut.

 

Zahedan ist eine große Unistadt im Iran, bekannt für viele Demos.

An dem Tag, an dem wir Zahedan auf der Umgehungsstraße passieren, werden 15 Menschen erschossen. In der Stadt bei einer Demo.

Wir sehen im Vorbeifahren die Straßensperren, Leute aus dem Nachbardorf erzählen es uns einen Tag später.

Eigentlich suchten wir eine Tankstelle bei Zahedan, aber die waren alle so überfüllt von LKWs, dass wir nicht warten wollten und lieber weiter fuhren.

 

So nah am Geschehen dran zu sein, es direkt neben sich zu haben, was da passierte, nahm uns mit.

Die Gegend dort war voll Polizeikontrollen.

 

Wir kennen mehrere Reisende, denen es allen gut geht im Iran. Trotzdem kann man nicht sicher sagen, wie die Situation für Einzelne ist. Als Familie durchzureisen und Krisenorte zu meiden sind zwei Faktoren, die uns das gute Durchkommen sicherlich erleichtern.

 

Wir waren nicht froh, den Iran hinter uns zu lassen. Nur erleichtert.

Wir lieben den Iran. Den Zauber von 1001 Nacht. Die herzvollen Begegnungen. Die Landschaft. Auch wenn wir wissen, dass wir dort nicht wohnen wollen. Das Grün fehlt. Und das Nasse. Bei längerem Weltreiseleben weiß man mit der Zeit, was man für sich will, was passt, was fehlt, was man vermisst, was man gerne haben möchte - wenn man sich auf einen Ort einlässt, den man sich als Base sucht. Die Heimat, in die man geboren ist, macht viel aus. Aber das ist ein eigenes Thema für sich, über das ich gerne ausführlicher schreibe.

Wüste gehört auch nicht zu uns. Aber sie ist toll – durchzufahren!

 

Erstmal fahren wir in die Wüste Lut rein, um nach 30 km wieder umzudrehen. Unser Tankstand reicht nicht. Für die nächsten 300 km kommt keine Tankstelle!

 

Die Wüste Lut ist eine der heißesten Gegenden der Welt, der Boden misst im Sommer über 70 Grad. Als wir durchfahren ist es kühler und windig. Wir sehen Kamele! Und wir überholen Manuel! Der junge, deutsche Radler frohen Mutes, gelassen, aber zügig einmal um die Welt, hält an und während die wüstenquerenden LKWS an uns vorbeirauschen, reden wir. Nichtahnend, dass wir bald schon zusammenziehen und skurrile Situationen gemeinsam durchstehen werden.

Vor der Wüste haben wir die Städte Kashan und Yazd angeschaut. Gegen Isfahan hatten wir uns entschieden, obwohl wir schon am Rand parkten. Nach Citysightseeing war keinem wirklich von uns. Wir hatten Lust auf kleinere Städte, lieber Basar den in Kashan. Und in Yazd, einer der ältesten Städte des Irans, wandern wir durch das Altstadt-Gassenlabyrinth, gehört zum Unesco-Kulturerbe. Hier wird traditionell Kaffee zubereitet, mit Kardamom und Rose, ein weicher, süßer Geschmack. Erst musste Simon uns wieder in den Gassen festfahren – uns schon bekannt aus der Medina von Marrakesch. Es ging nur noch rückwärts mit Hilfe raus. Natürlich haben wir von den besten Szenen - wie es sich gehört - keine Aufnahmen, die sind einfach zu aufregend oder schön als an die Kameras zu denken.

Wir fuhren viel. Fahrtrott.

Iran und Pakistan sollen nur Durchreiseländer sein, und wir wollen erstmal zügig nach Goa fahren, um dort noch die „season“ zu erwischen. Internet im Iran funktioniert fast gar nicht, bei mir gingen gar keine sozialen Medien, womit ich kein Problem habe, sondern die Pause auch genoss, bei Simon mit speziellen VPN-Kanälen ging etwas mehr. Die VPNs bringen nur was, wenn man sie vor dem Iran installiert. Die Jungs haben sich einiges runtergeladen, lauschen Hörspielen auf langen Strecken wenn es draußen nicht gerade spannend ist.

 

Wir fahren übrigens alleine. Was wir eigentlich nicht wollten. Aber es ist dann doch schwer passende Familien zu finden, die im gleichen Tempo unterwegs sind. Viele wollen sich Zeit lassen in den Ländern und wir wollen zügig in Goa sein (Ortsruhe!). Wir wissen auch, dass man sich mit dem Erfüllen seiner Pläne nicht auf andere verlassen kann, nicht selten springen dann doch welche ab oder verändern ihren Plan. Es ist schöner mit anderen, völlig klar, aber wir sind das Alleinereisen von Ort zu Ort gewohnt und wissen, wir wollen nach Indien Overland. Oft haben wir als Familie darüber gesprochen, ob wir das wirklich alle wollen und die Antwort war eindeutig. Ich bin am ehesten diejenige, die zweifelt, ob so eine lange Reise sinnvoll ist. Die Jungs kennen es und sind diesen Lebensstil, Freiheit und Selbstentfaltung gewohnt, dass sie sich eher schwer anderes vorstellen können. Für soziale Kontakte wollen wir zügig in Indien an den Orten sein, die wir kennen, wo es internationale Kinderkontakte gibt. Es würde uns allen sicherlich besser tun, wenn wir auf Reisen mehr Menschen um uns haben, mit denen wir unser Leben teilen können, live. Das ist ein doofes Manko beim Weltentdecken auf unsere Art, ständig mit sich zusammen. 24/7, das ganze Jahr. Wow. Und trotzdem machen wir das. Alles dafür: das klein zusammengepfercht leben, sich dem Stress des Unbekannten und spontaner Orga aussetzen, keine ausgetretenen Pfade gehen was Schule betrifft, mit Minimalem auskommen, auf Einiges verzichten, auf regelmäßige soziale Kontakte und Komfort. Verzicht (in Maßen) kann reich machen, Unbekanntes kann Freund, Freud und vor allem ein-geschätzt werden, eng leben kann Nähe bringen, ein Leben ohne vorgefertigten Rahmen kann Kreativität, Selbsterkenntnis und Stärke mit sich bringen, kennenzulernen wie es ist mit sich zusammen zu sein und mal nicht alles zu haben, kann Zurechtkommen mit sich und dem, was man hat, bringen. Alles in Maßen ist gesund. Und zwischendrin lernen wir trotzdem jede Menge Menschen kennen und die, wo es sein soll, bleiben. Und die, die uns besuchen, besuchen uns. Oder wir besuchen mal zurück in der Heimat. Geht alles. Man merkt unterwegs wie treu die Freundschaften und Kontakte sind, einige werden inniger, andere sagen gar nichts mehr und das zeigt, wie man verbunden ist oder eben nicht – so wie es ist, authentisch ehrlich. Wir haben also unsere Herzensmenschen mit dabei, sie wissen, wer gemeint ist und dass sie ein großes Geschenk sind für uns, weil wir doch gerade wesentliche Situationen teilen. Da ist die Verbindung über egal welche Distanz. Gilt übrigens nicht nur für uns Große. Und die Jungs jammern auch nicht, dass sie soziale Kontakte vermissen. Sonst wäre das kein Unternehmen. Langeweile merken wir gelegentlich an, da werden wir Eltern dann unruhig, dass mehr Input/was anderes gebraucht wird.

 

…etwas abgedriftet vom Iran rein ins Familienreiseleben.

 

 

Insgesamt waren wir übrigens nur 12 Tage im Iran. Circa 2500 km. 


Freitag, 4.November 2022 - Wüste Lut, Ostiran

 

IRAN TEIL 1

An der Grenze

Der Eingang der iranischen Grenzseite hinter dem Gang ist verschlossen. Finni winkt in die Kamera und die Grenzbeamten hinter der Glastür lachen, dann lassen sie uns rein in die Empfangshalle. Pässe abgeben, Visa auf dem Zettel vorlegen. Der freundliche Mann trägt unsere Daten in eine Tabelle ins Buch ein, von rechts nach links in einer uns unbekannten Schrift geschrieben. Finni beobachtet ihn und er zeigt ihm das Buch.

Als er fertig hat, lächelt er und sagt „Welcome to Iran!“

Das wars. Wir sind drin. Mehr Check ist nicht gewollt, die Dame winkt uns lächelnd durch den Scan. Jetzt müssen wir draussen Simon finden, der mit unserem Fidibus alleine rüberfahren sollte. Draußen ist es dunkel, und kalt. „Toman, Rial?“ werde ich gefragt, aber ich lasse auch das Geld wechseln auf später, denn wir haben einen „Grenzfixer“ bestellt, der uns bei sowas hilft. Da erkenne ich ihn auch schon bei Simon am Fahrzeug, aber wir dürfen nicht hin, also warten wir auf den Bänken der Wartehalle, Fährterminal- oder Flughafenatmosphäre, nur etwas abgeschrabbelt.

15 Minuten später gehen wir nochmal gucken, Simon ist mittlerweile vorgefahren, verschiedene Leute, verschiedene Fragen. Es wird nur einmal von der Tür in unseren Fidibus geschaut, nach dem Hundeausweis gefragt, nach dem Covidzertifikat. Das Carnet, unser Autoreisepapier, wird eingetragen. Alles wäre sicher gut möglich ohne Fixerhilfe gewesen, für uns ist es nun nach zwei Tagen Türkeiausreisestress entspannt, die Sachen erledigen zu lassen.

 

Wenig später folgen wir unserem „Fixer“ und dem „Helfeshelfer“ in seinem Auto in die nächste Stadt. Urmia. Er hat angeboten, dass wir in seinem Garten zu übernachten für 10 Dollar, auch das ist jetzt super, da wir nicht nach nächtlicher Einreise in ein neues Land noch ein Nachtlager finden müssen. Erst gibt’s Chai, und treffen zwei andere reisende Fahrzeuge dabei, ein Schweizer Pärchen und ein Ulmer auf dem Motorrad, alle mit anderen Zielen (Australien, Südafrika). Prima, ist doch immer schön, so eine Neulandsituation mit anderen zu teilen. Wir fahren später weiter zum Garten. Großes Staunen als es im Villenviertel der Leuchtenste, mit Gold verzierteste mit großem Gartentor ist. Dahinter: Rasen und Ruhe. Genau, was wir brauchen. Die Jungs und Blue sind superaufgedreht, die Anspannung der letzten Tage muss raus, austoben, dann rein. Am Morgen nochmal austauschen mit den anderen Reisenden, Geld im Tante-Emma-Laden hinter Bohnensäcken wechseln und Simkarten besorgen. Gegen Mittag sind wir fahrbereit.

Es geht los

Unser Plan: Viel Strecke machen, große Städte meiden, über Landstraßen durchs Landesinnere.

Aaaaber… sobald wir starten, macht sich die Einspritzdüse bemerkbar. Motor geht bei Belastung aus. Damit haben wir schon Erfahrung, somit eine Ersatzdüse mit. Als das Fahren mit ständigem Ausgehen keinen Spaß mehr macht, halten wir inmitten von Apfelwiesen und Simon beginnt zu wechseln. Diese paar Stunden könnten genauso gut in der Südtiroler Heimat sein. Nur hier liegen die Äpfel in Bergen am Straßenrand zum Verkauf. Nach dem Tausch der ersten Düse ist der Motor wieder belastbar. Was für ein Glück, dass es die erste gleich war – denken wir zunächst. Ein bisschen fahren wir noch.

Die Nachtplätze suchen wir in der Natur oder am Dorfrand. Manchmal kommen neugierige Menschen, die uns in ihr Haus einladen möchten, auch zum Schlafen, jedes Mal sehr freundlich und uns willkommen heißend, freudig über unser Dasein und was schenkend. Campen ist hier nicht so bekannt.

 

Wir beobachten die neue Welt beim Fahren. Alle möglichen Fahrzeuge auf den Straßen, stämmige Laster, vollbeladene Autos, Granatäpfel über Granatäpfel am Straßenrand, bunte Obststände . Fahrende, die uns zur Begrüßung freudig zuwinken oder anhupen, ständig. Sobald wir aussteigen, werden wir lächelnd willkommen geheißen, immer wieder „Welcome to Iran…Welcome to Kashan…Welcome to my village…“ 

Mit dem Geld müssen wir uns anfreunden. Ein Riesenbündel haben wir in die Hand gedrückt bekommen beim Wechsel von 100 Dollar. „Die Hunderttausender reichen nicht, ich brauch schon Millionen!“, sag ich vorm Einkaufen zu Simon, der grinst: „Aha, so eine bist du!“  Der Millionenschein ist der größte,  3,30 Euro.

 

Dafür erleben wir beim Tanken für europäische Verhältnisse Unglaubliches.

Erstmal wird Tanken für uns ein Abenteuer, weil wir als Touristen 1. Keine Tankkarte bekommen, nur mit der kann man tanken und 2. auch nicht mit anderer Karte zahlen können, weil im Land keine außeriranischen Geldkarten akzeptiert werden. Wir müssen Lkw-Fahrer bitten, uns etwas abzugeben. Simon hat eine dementsprechende Übersetzung vorbereitet. Beim ersten Mal werden wird recht viel verlangt für iranische Verhältnisse - der Lkw-Fahrer freut sich wie ein Schneekönig. Ob es der doppelte Touristenpreis war oder sein eigen festgelegter Preis wissen wir nicht. Aber für 65 Liter 10 Euro zu bezahlen ist für uns trotzdem ein Fest. Beim zweiten Mal wird richtig abgerechnet, 7 Cent der Liter, beim dritten Mal möchte uns der Lkw-Fahrer die Tankfüllung schenken, aber der Tankwart will noch 500.000 Rial (1,75 Euro) von uns einsacken, also letzten Endes zahlen wir 1,75 Euro für 55 Liter. Brilliant. So kommen wir durch den Iran, jedes Mal muss Simon zwar einige Abweisungen an den Tankstellen abwarten, geht dann aber doch recht zügig. Noah hat die Idee ein Buch zu schreiben, wie man mit 100 Dollar durch den Iran kommt.

 

Unauffällig - das ist unser Motto beim Reisen im eigenen Fahrzeug.

Wir sind weder bunt, noch groß, weder Oldtimer, noch modern, weder teuer, noch sauber. Wir sind einfach. Wir sind gerne auf Einheimischenniveau unterwegs und fallen nicht gerne ins Auge. Wir mögen nicht noch mehr Distanz zu den Menschen unterwegs haben, als wir als Ausländer und Westeuropäer eh schon haben.

Unauffällig sind wir hier im Iran allerdings nicht mehr. Es gibt keine Lieferwagen in unserem Stil, keine geschlossenen. Sehr, sehr selten. Hier ist man mit einem Rundhauber unauffällig, da auf den Straßen viele davon unterwegs sind.

Für uns ist das Werkstattfinden daher so eine Sache. Bei Isfahan wollen wir einiges checken lassen. Simon ist beim Rückwärtsfahren über ein Verkehrsschild gefahren, das sich unten reingedreht verkantet hat und die Bremsleitung etwas demoliert hat, nur den Schutz. Beim Einspritzdüsenprofi kriegt er die Info, dass es vermutlich nicht an der Düse selbst liegt, sondern am Kabel. Unsere lockeren Motorventilatorschrauben und Kugelköpfe der Radaufhängung werden gewechselt. Die Straßen sind eigentlich nicht so schlecht, trotzdem rumpelts immer wieder ordentlich und setzt unserer Old-Lady-Vehicle zu. Schließlich bricht bei voller Fahrt noch die Getriebeaufhängung. Bom. Aber auch das wird haltetechnisch erst improvisiert und dann beim Schweißer schnell behoben.

 

Die Herzlichkeit der Iraner ist sehr besonders. Egal, wo wir aussteigen, die Iraner begegnen uns durchweg freundlich, interessiert, bieten ihre Hilfe an. Trotz Sprachhhindernissen. Dadurch fühlen wir uns gut aufgehoben und entspannter. Wir haben nicht den Eindruck, dass wir öfter als einmal beim Tanken mehr als den üblichen Preis zahlen müssen. Ständig drückt uns jemand Geschenke in die Hand: Gebetskette, Süßes, eine Tankladung, Früchte. Der Mechaniker bei Isfahan findet es „sei unter unserer Würde“ uns im Camper übernachten zu lassen und lädt uns als Gäste in sein Haus ein, zu Frau und Kindern. Aber wir bleiben gerne in unseren vier Wänden und fühlen uns wohl, im Werkstattviertel zu nächtigen. Er versucht es mehrere Male uns zu überreden, irgendwann versteht er, dass es unser vertrautes Heim ist und die Kinder in ihren Betten schlafen mögen.

Die Landschaft wird karger, trockener, wir kriegen Sandstürme mit und Wolkenwetter. Tags ist es recht warm.

 

Iran, Persien, 1001 Nacht. Diese Atmosphäre bieten die Städte.

Tatsächlich entscheiden wir uns, nur zwei kleinere Städte anzuschauen, Kashan und Yazd. Wir fahren durch Isfahan, aber die Stadt ist uns zu groß, wir haben eher Lust auf gemütliche Erkundungstouren. Außerdem haben wir das Ziel, am Jahresende in Südindien zu sein. Iran ist nur geplant zu queren. Erst war einziger Stopp Isfahan gedacht, dann switschten wir um. Lieber zwischendrin gemütlich, wenn wir denn schon auf den Straßen „rennen“.

 

Ja, Persien ist so: Basare, Rosenwasser, Safran, Kamelfleisch, Kupfergeschirr, Stoffe, bunte Wolle, Teppiche, wunderschöne Ornamente, an denen man sich nicht sattsehen kann, süßer Yazd-Kaffee mit Rosenwasser und Kardamom – himmlisch! Datteln, Nüsse, Süßigkeiten, die wir noch nie zuvor gesehen haben. Restaurants auf den Dächern der Stadt, auf dem Boden sitzend, keine Tische, aber ein Tischtuch wird in der Mitte ausgebreitet und dann gibt es immer Salat, Blätter von Pfefferminz, Koriander und Petersilie, und es gibt keine Messer. Lehmarchitektur. Die Toiletten sind ab jetzt zum auf dem Boden hocken und ohne Klopapier, die linke Hand zum Abwischen mit Wasser, die Unreine. Und altbekannte Kulturen kommen uns wieder näher: Die Zoroastrier. Wer war Zarahustra noch? Wir tauchen ab in diese neue Welt. Inmitten dem verwinkelten Gassenlabyrinth der tollen Altstadt von Yazd finden wir ein bisschen was Vertrautes, eine „Lizard-World“, ein kleiner Tierpark mit Schlangen, Echsen, Skorpionen, einem Affen, der ein Stofftier ausnimmt, Krokodilen…Simon hatte sich bei Ankunft in Yazd - genauso wie in Marrakesch - im engen Gassenlabyrinth der Medina so verfahren, dass er fast steckenblieb, dann rückwärts fahren musste und schließlich drehen konnte. Aber er macht das, schweißgebadet. 

Über mehr schreibe ich im nächsten Blog, bis dahin lasst die Eindrücke wirken…

Wir haben jetzt die Querung der Wüste Lut vor uns, eine der heißesten Punkte der Erde, selbst als Finni jetzt im Sand gewühlt hat war er unter der Oberfläche warm.


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Kommentare: 2
  • #1

    Margarete (Montag, 07 November 2022 10:05)

    Ich habe 2007 eine geführte Kulturreise durch den Iran gemacht, natürlich mit Kopftuch und Mantel. Hat mich nicht gestört. Ich bin nur freundlichen, interessierten, offenen Menschen begegnet. Und diese Kulturschätze aus Zeiten, als wir quasi noch auf den Bäumen saßen! Man erzählte uns damals, dass im Iran mehr Frauen als Männer die Universitäten besuchten. Es war eine meiner schönsten und beeindruckendsten Reisen, die ich gemacht habe. Ich habe aus der Zeit noch immer eine Brieffreundin aus Isfahan �

  • #2

    Anne-Silja (Montag, 05 Dezember 2022 23:36)

    Diese Reisen sind wertvolle Erfahrungen! Nimmt man sein Leben lang als Schatz mit! Man muss es selbst erleben, dann weiß man wie es ist und verliert auch Vorurteile. Iranische Frauen sind sehr gebildet.
    Toll, eine so lange Brieffreundschaft über Ländergrenzen!